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Kultur

Ein Tag in Oxford: Colleges, Bibliotheken und traeumende Turmspitzen

Alice PembertonAlice Pemberton·7. April 2026·11 min Lesezeit

Ein Tag in Oxford: Colleges, Bibliotheken und traeumende Turmspitzen

Es gibt Universitaetsstaedte. Und dann gibt es Oxford. Eine Stadt, in der jeder Stein achthundert Jahre Geschichte birgt, in der gotische Kreuzgaenge sich mit rostigen Fahrraedern mischen, in der die Bibliotheken aelter sind als die meisten Laender und in der der Morgennebel die Kirchturmspitzen in Silhouetten eines mittelalterlichen Traums verwandelt. Oxford ist nicht nur eine Universitaet: Es ist ein Geisteszustand.

Die beruehmten Dreaming Spires — die traeumenden Turmspitzen — sind keine romantische Metapher. Es sind buchstaeblich Dutzende von Tuermen, Fialen und Kuppeln, die den Himmel von Oxfordshire durchbohren und die bei Sonnenuntergang in einem goldenen Licht erstrahlen, das wie aus einem Turner-Gemaelde zu stammen scheint.

Morgen: Die Bodleian Library und das akademische Herz

Die Bodleian Library: Tempel des Wissens

Beginne den Tag dort, wo Oxford begann, Oxford zu sein: in der Bodleian Library, einer der aeltesten Bibliotheken Europas, gegruendet 1602. Die "Bod", wie die Oxforder sie nennen, beherbergt mehr als 13 Millionen Dokumente, darunter mittelalterliche Manuskripte, Shakespeare-Erstausgaben und Koenigsbriefe.

Der Old Schools Quadrangle ist das Herz der Bodleian: ein perfekter Renaissance-Innenhof mit bemalten Tueren, die die Namen klassischer Disziplinen tragen — Musica, Arithmetica, Astronomia — in goldenen Buchstaben.

Das Kronjuwel ist die Divinity School, eine Halle aus dem 15. Jahrhundert mit der spektakulaersten Gewoelbedecke Englands. Hier wurden mehrere Harry-Potter-Szenen als Hogwarts-Krankenstation gedreht.

Buche die gefuehrte Tour mit der Duke Humfrey's Library, dem mittelalterlichen Lesesaal, in dem Studenten seit 600 Jahren unter denselben Eichenbalken lesen. Die Buecher sind an die Regale gekettet — eine mittelalterliche Diebstahlsicherung, die heute charmant wirkt.

Faszinierendes Fakt: Die Bodleian erhaelt automatisch ein Exemplar jedes im Vereinigten Koenigreich veroeffentlichten Buches.

Radcliffe Camera: Oxfords Star

Die Radcliffe Camera — rund, majestaetisch, mit ihrer goldenen Steinkuppel ueber dem Radcliffe Square — ist das meistfotografierte Gebaeude Oxfords. Erbaut 1737-1749 von James Gibbs im palladianisch-barocken Stil.

Die beste Aussicht bietet die St Mary the Virgin-Kirche. 127 Stufen der Wendeltreppe — und Oxford liegt dir zu Fuessen.

Tipp: Besuche Radcliffe Square fruehmorgens, wenn das Streiflicht die goldene Kuppel beleuchtet.

Spaeter Vormittag: Christ Church

Christ Church College: Grandeur ohne Entschuldigung

Von allen 39 Colleges ist Christ Church das groesste und beruehmteste. Gegruendet 1546 von Kardinal Wolsey.

Der Tom Quad ist Oxfords groesster Innenhof. Jeden Abend um 21:05 schlaegt die Great Tom-Glocke 101 Mal — ein Ritual seit 1684.

Der Great Hall raubt einem den Atem: ein mittelalterlicher Speisesaal mit Eichendecke, Portraets beruehmter Alumni (Lewis Carroll, Albert Einstein, 13 britische Premierminister) — und ja, dieser Speisesaal inspirierte die Grosse Halle von Hogwarts.

Die Christ Church Picture Gallery zeigt Werke von Leonardo da Vinci, Raphael, Tintoretto und Van Dyck.

Christ Church Meadow

Hinter Christ Church erstreckt sich Christ Church Meadow: grasende Kuehe, Wege zwischen Pappeln, der Fluss Cherwell zwischen Trauerweiden. Perfekt nach so viel Architektur.

Mittag: Der Covered Market

Der Covered Market versorgt Oxford seit 1774. Ben's Cookies wurde hier 1984 gegruendet — die warmen Kekse der Originalfiliale sind immer noch die besten.

Suche Brown's Pie Shop fuer traditionelle Fleischpasteten. Und probiere den Oxford Cake — ein dichter Fruechtekuchen, typisch fuer die Stadt seit dem 18. Jahrhundert.

Nachmittag: Spaziergaenge und Entdeckungen

Bridge of Sighs: Venedig in Oxford

Die Hertford Bridge, allgemein als Bridge of Sighs bekannt, ist eine ueberdachte Bruecke von 1914. Klein, elegant und absurd fotogen.

Punting: Das Oxford-Ritual

Kein Oxford-Besuch ist komplett ohne Punting. Von der Magdalen Bridge aus gleitest du auf dem Fluss Cherwell durch bukolische Landschaften bis zum Victoria Arms, einem Pub am Flussufer.

Realitaet: Beim ersten Versuch wirst du wahrscheinlich im Kreis drehen, durchnaesst und vor Lachen kaum stehen koennen. Die Stange bleibt mit alarmierender Haeufigkeit im schlammigen Flussbett stecken. Alternative: Der Botanic Garden neben der Magdalen Bridge ist Grossbritanniens aeltester botanischer Garten (1621).

Sonnenuntergang: Die traeumenden Turmspitzen

Port Meadow

Port Meadow ist eine Gemeindewiese, die seit der Sachsenzeit ungepfluegt geblieben ist — ueber tausend Jahre. Bei Sonnenuntergang, wenn goldenes Licht Oxfords Turmspitzen am Horizont badet, versteht man, warum Matthew Arnold sie 1865 "dreaming spires" nannte.

Abschiedspub: The Eagle and Child

Beende den Tag im Eagle and Child, dem Pub, in dem sich J.R.R. Tolkien und C.S. Lewis jeden Dienstag mit den Inklings trafen, um Entwuerfe von Der Herr der Ringe und Die Chroniken von Narnia vorzulesen. Ein Pint lokales Ale hier zu bestellen, wo Mittelerde und Narnia geboren wurden, ist der perfekte Abschluss.

Praktische Tipps

Oxford ist eine Stunde mit dem Zug von London Paddington entfernt. Die Stadt ist kompakt und perfekt zu Fuss erkundbar.

Zeitplan:
  • 09:00: Bodleian Library und Radcliffe Square
  • 10:30: Christ Church College
  • 12:30: Mittagessen im Covered Market
  • 14:00: Bridge of Sighs
  • 15:00: Punting auf dem Cherwell
  • 17:00: Botanischer Garten oder St Mary's Turm
  • 18:30: Pint im Eagle and Child
  • Oxford ist der Beweis, dass achthundert Jahre Wissensdurst einen Ort schaffen koennen, der sprachlos macht.

    Denn in Oxford schaut man nicht auf den Boden. In Oxford schaut man immer nach oben.